Laborscope durchsuchen...

Mediadaten

Download Mediadaten 2021

 

Laborscope das offizielle Organ des Fachverbandes für Laborberufe Schweiz.

Immunabwehr: Wie Abwehrzellen aktiviert werden

Die Immunzellen schützen unseren Körper vor eindringenden Krankheitserregern. Das Rezeptorprotein CCR5 auf den T-Zellen übernimmt dabei eine wichtige Rolle. Gleichzeitig ist es jedoch auch Einfallstor für HI-Viren. Ein nationales Forschungskonsortium unter der Leitung der Universität Basel hat nun enträtselt, wie der CCR5-Rezeptor aktiviert wird. Die Arbeit liefert wichtige Grundlagen für die Entwicklung wirksamer Therapien gegen AIDS, Krebs und entzündliche Erkrankungen.
 
Eine wichtige Barriere im Kampf gegen Krankheitserreger sind die Abwehrzellen unseres Immunsystems. Durch Botenstoffe, die Chemokine, werden sie zum Infektionsherd geleitet und beseitigen dort die Keime. Die Andockstellen für die Chemokine sitzen auf der Oberfläche unserer Immunzellen. Einer der bekanntesten Rezeptoren ist CCR5, der gleichzeitig dem AIDS-Virus als Eintrittspforte in die Zelle dient und deshalb ein wichtiger Angriffspunkt für HIV-Medikamente ist. Auch bei Entzündungsreaktionen, zum Beispiel im Zuge von COVID-19, oder bei der Metastasierung von Tumorzellen spielt CCR5 eine entscheidende Rolle.
 
In der Vergangenheit zeigten mehrere Studien, wie der inaktive Rezeptor CCR5 aussieht. Sie lieferten so zum Beispiel Einblicke in die Wirkungsweise von HIV-Inhibitoren, die die Viren daran hindern, in die Zelle einzudringen. Unklar war bislang jedoch, wie der Rezeptor aktiviert wird. Ein genaues Bild davon hat nun das Forscherteam von Prof. Stephan Grzesiek am Biozentrum der Universität Basel gemeinsam mit Wissenschaftlern des Paul Scherrer Instituts (PSI) und der Universität Genf gewonnen. Im Fachjournal «Science Advances» erklären sie, warum nur manche Chemokine den CCR5-Rezeptor aktivieren, andere ihn aber abschalten.
 
Anthony S. Fauci referiert 1996 vor Präsident Bill Clinton und anderen über die Übertragung von HIV und die Rolle von CCR5. Bild: Prof. Anthony S. Fauci, Direktor des NIAID, NIH
 

Tiefes Eindringen von Chemokin aktiviert Rezeptor

CCR5 gehört zur grossen Familie der G-Protein gekoppelten Rezeptoren. Sie sind in der Zellmembran eingebettet und funktionieren nach dem «Schlüssel-Schloss-Prinzip». Im Fall von CCR5 passen nur ausgewählte Chemokine exakt in das CCR5-Schloss und setzen, ähnlich wie ein elektrischer Schalter, in der Zelle ein Räderwerk in Gang, das beispielsweise zur Wanderung der Immunzellen zum Ort der Infektion führt. Ob Chemokine in der Lage sind CCR5 zu aktivieren, so haben die Forschenden nun herausgefunden, hängt von der Struktur des Chemokinanfangs, seines sogenannten N-Terminus, ab.
 
«Die Abfolge der Aminosäuren und ihre chemischen Eigenschaften bestimmen die Struktur des N-Terminus der Chemokine und somit, wie tief dieser Abschnitt in den CCR5-Rezeptor eindringt», so Erstautorin Polina Isaikina. «Gewisse Aminosäuren an Schlüssel-Positionen interagieren mit CCR5 und stabilisieren eine längere, gerade N-terminale Struktur, die so tief in den Rezeptor hineinragt, dass Umlagerungen innerhalb von CCR5 ausgelöst und das zelluläre Räderwerk angeschaltet wird.» Befinden sich an denselben kritischen Stellen Aminosäuren mit anderen Eigenschaften entsteht eine kürzere, sperrige N-terminalen Struktur, die nicht tief genug eindringen kann und den Rezeptor nicht aktiviert, sondern blockiert.
 

Erkenntnisse sind wichtig für Wirkstoff-Entwicklung

Die verschiedenen Chemokinrezeptortypen weisen grosse Ähnlichkeiten in ihrer Architektur auf. Doch winzige Abweichungen sowohl im Bau der Rezeptorproteine als auch der Chemokine entscheiden darüber, wer zu wem passt; also wer welchen Rezeptor aktiviert. «Es war seit sehr langer Zeit unser Ziel die Wirkungsweise von CCR5 zu verstehen», resümiert Grzesiek. «Dieses Ziel kam aus der AIDS-Forschung. Nun zeigt sich, dass CCR5 auch bei vielen anderen Krankheitsprozessen sehr wichtig ist. Wenn wir verstehen, wodurch die unterschiedlichen Chemokine ihre Rezeptoren aktivieren oder deaktivieren, können wir gezielt neue Moleküle herstellen und die Prozesse im Immunsystem beeinflussen.»
 
Die CCR5-Hemmer, die heute auf dem Markt sind, tragen erheblich zum Behandlungserfolg bei AIDS-Patienten bei, weitere sind in klinischen Studien insbesondere für die Prävention von AIDS-Infektionen. Auch bei der Therapie von metastasierenden Tumoren zeitigt die Hemmung von CCR5 erste Erfolge. Mit der aktuellen Arbeit schaffen die Forschenden die Basis für die Weiterentwicklung solcher Wirkstoffe und die Entwicklung neuartiger Substanzen, die gezielt in das Immunsystem eingreifen können.